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Von Venedig einmal abgesehen, hat wohl kaum eine andere mitteleuropäische Stadt einen wirkungsmächtigeren literarischen Mythos hervorgebracht als Prag. Claudio Magris bezeichnet die Stadt an der Moldau als einen einzigen grossen Bildspender. Zarte Nebel, Zwielicht, Dämmerung, Traum, Märchenhaftigkeit, Unwirklichkeit, Romantik des Morbiden, Phantastischen, Phantasmagorischen, Dämonischen, eine Vorliebe für die Nacht, für die andere Seite… Es sind die Dichter, die diese Bilder und Begriffe unauflösbar mit der tschechischen Kapitale verknüpft haben: Meyrink spricht vom «dämonenhafte[n], unheimliche[n] Zauber der Stadt»; Franz Werfel schildert Prag als «Tagtraum», «Drogenrausch» oder «Fata Morgana des Lebens», Oskar Wiener nennt sie «unsagbar schön, aber verrucht». Im Zentrum der Untersuchung steht das System des «Prager Textes» und dessen topographisch-geographische Dimension. Es handelt sich um Texte, die Prag explizit oder implizit zum Schauplatz machen und dabei eine spezifische Aussage über diese Stadt treffen. Dabei wird die Topographie der Stadt, werden die einzelnen Gebäude, Quartiere, Strassenzüge durch die Jahrhunderte von ganz unterschiedlichen Interessensgruppen für sich reklamiert, bis hin zu der Flut von literarischen Texten, die nach 1989 erschienen sind. Diese Multicodiertheit des Stadtraums ist kein Spezifikum Prags, aber an diesem komplexen Beispiel, einem «hot spot» der Weltliteratur, kann man sie besonders gut ausloten.
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