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Das altbackene Bild der Malerei vermittelt immer wieder, dass sie (vielleicht gemeinsam mit der Skulptur) im Zentrum alles künstlerischen Schaffens steht, dass alles andere auf oder gegen sie gebaut ist. So wird sie immer wieder zur Nostalgieinsel, die sich gegen alles, was sich in der Moderne – oder davor – entwickelt hat, abschirmt. Der Weg in die Vergangenheit erfreut vielleicht manchen Kunsthistoriker, ist jedoch von der Gegenwartskunst weit entfernt. Die oben beschriebene Weiterführung der Abstraktion widerspricht diesem Bild von Malerei deutlich, da wir sehen, wie das Medium auf andere Medien und Kunstrichtungen reagieren und sie fortsetzen kann. Es war die moderne Abstraktion, die ein reduziertes und klares Vokabular entwickelt hat, das Ausgangspunkt für neue Untersuchungen sein kann, Untersuchungen, in denen außermalerische Aspekte hinzugefügt werden. Die Malerei baut auf Überlegungen der Konzeptkunst, der Pop-Art, des Minimalismus, der Installation etc. auf. Das heißt aber nicht, dass traditionell innermalerische Probleme unberührt bleiben. Die formalen Aspekte sind von den Inhalten nicht zu trennen. Minimale Veränderungen in der Grammatik der Moderne können drastische Folgen auf beiden Ebenen haben. Eine Unschärfe an den Rändern einer geometrischen Figur oder ein kleines gestisches Moment, das eine ansonst klare Flächenaufteilung durchbricht, fügen dem Bild völlig neue inhaltliche Momente hinzu. Die Vermischung oder Überlagerung verschiedener reduktiver Aspekte der Ungegenständlichkeit erzeugt Bedeutungen, die innerhalb des alten Kontextes gar nicht entschlüsselbar sind. Diese Additionen sind nur innerhalb der Geschichte der letzten 60 Jahre verständlich und die Referenzen gehen weit über die Malerei hinaus. Vorher war die Abstraktion ein zielgerichtetes Projekt, das die hegemoniale Stellung des gemalten Bildes innerhalb der Kunst endgültig festigen sollte. Durch diese Logik hat sich die Malerei aber auch isoliert und konnte nur mehr internen Regularitäten folgen. Additive Abstraktion bedeutet immer eine Öffnung des geschlossenen Raumes. Das formale Inventar bleibt zwar stark beschränkt, aber schon die geringsten Veränderungen an dem festgefügten Kanon erzeugen eine mächtige Sprache. Die Kargheit dieser Sprache ist nur eine vorgebliche. Ihre Symbole sind nicht nur das, was auf dem Bild sichtbar ist, die Referenzen liegen tatsächlich außerhalb, in diesem Sinne besitzt sie keine autonome Grammatik.
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