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Der Grund dafür, dass dieser Wunsch ein Phantasma bleibt, ist, dass die deutsche Kultur aufgrund der weltpolitischen Verflechtungen, die die vermessenen Ambitionen und katastrophalen Folgen der Politik des dritten Reichs produziert haben, das Monopol auf die Deutung der deutschen Identität und Geschichte unwiederbringlich verloren hat. Im Prinzip hat jedermann aus den historisch betroffenen Ländern ein Recht, mitzureden und einen Begriff von Deutschland zu entwickeln. Ein Grund dafür, dass ich als Deutscher mit meiner Identität nicht abschließend ins Reine kommen kann, ist also, dass ich bei der Formulierung dieser Identität nie selbst vollständig das Sagen habe, sondern darauf gefasst sein muss, dass mir jemand anderes sagt, was Deutschsein bedeutet, und zwar sowohl anerkennend wie ablehnend, mit Sympathie wie mit Spott oder Hass. Von der Verpflichtung, die Frage nach meiner Identität beantworten zu müssen, entbindet mich die beschränkte Vollmacht, eine Antwort formulieren zu können, jedoch nicht. Die Erfahrung, die ich mache, wenn ich im Ausland als deutsch identifiziert werde, ist ja gerade die, dass ich zwar dazu aufgefordert bin, Stellung zur meiner Identität zu beziehen, zugleich aber einsehen muss, dass ich durch diese Stellungnahme nur bedingt Einfluss auf die Außenwahrnehmung dieser Identität nehmen kann. Bedingt durch die Geschichte kann die Verhandlung der deutschen Identität nicht anders als multilateral stattfinden.
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