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Ethnische Konflikte ohne Frontlinie sind besonders schwierig. Obwohl, eigentlich gibt es eine Frontlinie – du bist sie. Es ist sinnlos, irgendwo nach einer Spur, nach einem Fixpunkt im Gelände zu suchen. Es genügt, in den Spiegel zu schauen oder sich seine Gesichtszüge vorzustellen. Um dich herum sind Tausende ebensolcher Menschen, jeder betrachtet dich argwöhnisch, fragt sich, wer du sein magst. Und du erwiderst den Blick, versuchst herauszufinden, ob man dich gleich töten wird oder nicht. Und gleichzeitig entscheidest du, was du im nächsten Augenblick sein wirst: Mörder, Schlächter, Fliehender, Retter, Mensch oder Bestie. Die endlose Kette von Situationen, in denen du nicht mit dem Verstand, sondern nach Gefühl entscheidest, in denen du alles, was Gott, die Familie und die Gesellschaft dir gegeben haben, auf den Prüfstand stellst, entzweit die Menschen, zerrüttet ihre moralische Festigkeit, treibt sie an die äußersten Grenzen und über diese Linie hinaus. Dann zeigt sich ihr innerstes Wesen. In einem ethnischen Konflikt bist du völlig allein, mehr als je zuvor oder danach, mehr als je ein Soldat oder Bürger eines Staates. Es gibt keine gesellschaftlichen Institutionen mehr, die dir Zuflucht gewähren könnten. Es gibt nur deine Abstammung (Blut) und dein gegenwärtiges Gesicht. Noch hast du deine Wahl nicht getroffen. Später werden sie dich jagen, oder töten, oder es gelingt dir zu überleben. Du musst nur entscheiden, wie du dich hier und jetzt, an deiner eigenen Front des ethnischen Konflikts verhalten wirst.
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