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Asked whether the Russians were an unhappy nation, author Alina Bronsky, who was born in 1978, replied: “Yes, they are suspected of being melancholy. That suspicion is expressed in Russian art and literature. But like all other people, the Russians are well acquainted with the entire spectrum of human emotions.”
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Zumal es ein Franzose war, der den Begriff der „russischen Seele“ geprägt hat. Vicomte Eugène-Melchior de Vogüé, ein Diplomat im zaristischen Russland, verglich das Land und seine Menschen im „Russischen Roman“ (1886) mit der traditionellen Okroschka: „Alles existiert in dieser Suppe, sowohl die leckeren als auch die abscheulichen Dinge. Sie wissen niemals, was Sie daraus herauslöffeln werden.“ Mit der russischen Seele, so der frühe Russen-Versteher, sei es ganz ähnlich: vieles durchmischt, die Mystik und die Vernunft, das Alles und das Nichts. Und, möchte man meinen, die Melancholie! Eine dritte Stimme wollen wir noch hören, eine neuere. Die Schriftstellerin Alina Bronsky, Jahrgang 1978, sagt auf die Frage, ob die Russen ein trauriges Volk seien: „Ja, sie stehen im Verdacht, melancholisch zu sein. Das findet sich auch in russischer Kunst und Literatur wieder. Aber sie kennen genau wie alle anderen Menschen die gesamte Gefühlspalette.“ Ist die „russische Seele“ also nur eine Pauschalierung? „Wenn wir über Mentalitäten reden, müssen wir offen sein für Vielfalt und Nuancen“, so wiederum Bronsky, „und ein geradezu mystisch-religiöser Begriff wie die ,Seele’ ist da in meinen Augen eher deplatziert, weil er menschliche Eigenarten als angeboren und kaum veränderbar darstellt.“
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