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9. Das erste Beispiel, der Bericht „Barcelona 2004: der postmoderne Faschismus“ (2004) ist ein Beleg für die Verkörperung einer theoretischen Intervention in der Stadt. Im Rahmen der Kampagne gegen das von den Institutionen der Stadt organisierte internationale Großevent „Forum der Kulturen“ 2004 führte Espai en Blanc eine Analyse durch, die unterstrich, dass es sich bei dem von der Stadt Barcelona vorgeschlagenen Projekt der multikulturellen Stadt in Wirklichkeit um das Ingangsetzen eines neuen Dispositivs handelte, das den Konflikt, den wir „postmodernen Faschismus“ nennen, entpolitisieren und neutralisieren sollte, weil es auf der Mobilisierung aller Differenzen in Richtung eines Stadt‑Projekts, einer einzigen Realität gründete. Was war zu tun, damit diese Analyse Barcelona nicht überfliegen, sondern in die Bewegungen in der Stadt intervenieren und sich in diese einmischen würde? Die gemeinsam mit dem Verlag Bellaterra und anderen kritischen Kollektiven der Stadt entwickelte Idee war, die Analyse zusammen mit anderen Materialien als gratis erhältliches Buch herauszugeben (Download unter: http://www.ed-bellaterra.com/uploads/pdfs/FOTUT%202004X.pdf). Das Erscheinen des Buches wurde breit angekündet, und zwei Vertriebsstellen wurden bekannt gegeben. Wer Interesse am Buch hatte, musste an diese Orte kommen und konnte ein Buch mitnehmen. In zwei Wochen waren die 3000 gedruckten Exemplare vergriffen. Der interessantere Aspekt dabei ist jedoch, dass das Erscheinen des Buches eine Mobilisierung auslöste. Jede musste selbst entscheiden, ob ihr Interesse so weit reichte, um sich in der Stadt an einen bestimmten Ort zu bewegen und mit dem Herausgeber und den Kollektiven, die das Buch entwickelt hatten, in Kontakt zu treten. Es kamen alle möglichen Personen: LehrerInnen, AktivistInnen, PolitikerInnen (!) und vor allem viele anonyme Menschen, die ihre KomplizInnenschaft mit jenen Worten spürten. Die Theorie hatte aufgehört, ein Bewusstsein zu suchen, das aufgeklärt werden muss. Viele Körper setzten sich in Bewegung, um ihre Ablehnung, ihren Zorn, ihre Kritikpunkte an diesem heuchlerisch aggressiven Modell der Stadt zu teilen.
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