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Auch im Beitrag des Künstlers und Komponisten Jan-Peter E.R. Sonntag überlagern sich die unterschiedlichsten kulturellen Schauplätze: das Berlin des beginnenden 20. Jahrhunderts, die mexikanische Revolution, Mexiko- Stadt heute. Sonntag baut seine ehemalige Wohnung gerade in ein Zweitstudio um. Es gleicht einer Wunder- und Denkkammer. An der Wand hängen alte Blasinstrumente, auf dem Tisch stapeln sich Bücher, Notizen, Fotografien. Mit ihm zu reden, ist ein intellektuelles Abenteuer. Wir beginnen beim Synthesizer, den der Medientheoretiker Friedrich Kittler konstruierte, und der Frage, ob er darin ein ganzes Denksystem eingelötet hat, kommen dann zu den Inuit, die die Radiofrequenzen der Nordlichter hören, und schließlich zu Sonntag im Park, seiner Arbeit in der KunstHalle. Auch hier geht es um ein historisches Gedächtnis, das sich in einen technischen Apparat eingeschrieben hat. Bei einem Aufenthalt in Mexiko-Stadt saß Sonntag in den Parks und hörte den "Organillos" zu, die auf ihren alten Leierkästen Revolutionslieder dudelten: "Alle Instrumente waren völlig verstimmt, kaputt. Ich fragte, wie sie mit so einem Sound leben können. Sie antworteten: ,Das ist doch Nostalgie, das ist schön, das ist der Sound der Revolution.' Wow! Da ist ein Apparat, in dem Musik eingelagert ist, und weil das Ding 100 Jahre lang nicht gewartet wurde, hat sich die Zeit in die Melodien - so sind zum Beispiel Töne verlorengegangen und Tonhöhen - mit ihren Verstimmungen eingeschrieben." Dann entdeckte Sonntag den Schriftzug einer großen Drehorgelbauer-Dynastie: "Harmonipan - Frati & Co, Schönhauser Allee 73". Er erzählt, dass Ende des 19. Jahrhunderts über 3.000 Leierkastenmänner durch die Hauptstadt zogen und Deutsche dieses Modell zu Revolutionszeiten nach Mexiko brachten. "Sonntag im Park basiert auf den aufgezeichneten Drehorgelklängen", sagt Sonntag. "Digital hat man die Möglichkeit, dass man in die Klänge reinfährt und sie wie ein Gummiband auseinanderzieht, ich kann einzelne Instrumente zerdehnen, damit die Zeit zum Gefrieren bringen." Während im Inneren der KunstHalle Sonntags gleichnamige Videoarbeit zu sehen ist, sind die verzerrten Revolutionsklänge durch eine Sound-Installation auf dem Boulevard Unter den Linden zu hören - wie ein vielstimmiges Echo schwingen sie quasi zu ihrem Ursprungsort Berlin zurück.
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