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2. Die Frage zu beantworten, wie Osteuropa sich an sich selbst erinnern möchte, ist sehr schwierig, wenn nicht unmöglich oder zumindest sehr komplex. Das liegt in erster Linie daran, dass die Kontakte und Verbindungen der Länder Osteuropas untereinander sehr spärlich sind oder gar nicht stattfinden. Der größte Unterschied zwischen Ost- und Westeuropa im Erleben von Realität könnte genau dies gewesen sein: Die Möglichkeit der offenen Grenzen, des freien Austauschs von Ideen, Gütern und Menschen, der Weiterentwicklung, der Existenz von Institutionen, Verbindungen und Netzwerken, die die westlichen Länder miteinander verbinden, auch wenn sie nach wie vor einzelne Nationalstaaten sind. Im krassen Gegensatz dazu die nur allzu gut bekannte kommunistische Besessenheit von Grenzen, Isolierung und Kontrolle über den freien Austausch von Ideen, Gütern und Menschen. Vor dem Fall der Berliner Mauer wurde Osteuropa über seinen starken militärischen und ideologischen Apparat definiert. Über Jahrzehnte versperrte dieser Apparat den Menschen in Bulgarien nicht nur den Zugang zu Bildern vom Leben in Deutschland oder Amerika, sondern verwehrte sogar Tschechen Informationen über das Leben in Rumänien, Polen oder Litauen. Der Kommunismus ließ keinerlei kulturelle Entwicklung zu; das einzige akzeptierte Kulturmodell war eine isolationistische und nostalgische Nationalkultur – sie entstammte Institutionen, die Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden waren, in einer Zeit also, als die meisten dieser Länder noch nicht einmal kommunistisch regiert waren. Wenn wir begreifen, dass Kultur der essentielle Rahmen jeder Gesellschaft ist, weil sie Werte und Visionen bietet, die wir zum Leben brauchen, zum Kommunizieren, um zu wissen, wer wir sind, dann kann es uns nicht überraschen, dass als erste Reaktion nach dem Sturz des Kommunismus ein Ausbruch von Nationalismen in ganz Osteuropa stattfand. Der erste Impuls, dem diese Gesellschaften nach der Zerstörung auch der Ordnung dieser Systeme folgten, war die Rekonstruktion ihrer Identität auf der Basis von etwas bereits Existierendem - wie veraltet und rückschrittlich es auch sein mochte – und nicht auf der Basis komplett neuer Visionen und Konzepte.
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