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Ich bin mir gar nicht so sicher, ob die Gegenwartskunst wirklich gerne Alte Meister und tote Außenseiter feiert. Wenn man sich die Berichterstattung in den Mainstream-Medien anschaut, wirkt es, als gehe es in der Gegenwartskunst vor allem um Auktionsrekorde, Partys, Messen und um einige wenige Künstler, für die unglaublich hohe Preise aufgerufen werden. Ich glaube, das Interesse an unbekannten oder übersehenen Künstlern hat auf die eine oder andere Weise viel mit der Ablehnung dieser übertrieben kommerziellen Haltung zu tun, die augenblicklich das Image der Gegenwartskunst zu beherrschen scheint - innerhalb und außerhalb der Kunstwelt. Dieses Interesse zeugt von einer Sehnsucht nach mehr Komplexität - man will einen Beweis, dass Kunst weit mehr sein kann als ein Freizeitspaß für Reiche oder eine Form von visuellem Entertainment: Dahinter steht der Glaube an die Kunst als kompromissloses, existenzielles Abenteuer - deswegen auch die Betonung der biografischen Aspekte bei der Rezeption und Würdigung bestimmter vergessener Meister. In anderen Worten: Das Interesse für Figuren, die nicht so sehr im Kanon verankert sind, drückt ein Bedürfnis nach Authentizität aus, die manchem wie ein Gegengift gegen das überzogene Spektakel und den Glamour in der Gegenwartskunst erscheint. Doch Vorsicht ist geboten, denn es ist einfach, aus Authentizität einen Mythos zu machen und dabei in die Kitsch-Falle zu tappen: Die Debatten darüber, ob man Outsider mit in eine Mainstream-Ausstellung einbeziehen soll, verlocken durch übermäßige Sentimentalität auch zum Kitsch und verführen uns häufig dazu, den Outsider als gänzlich unschuldigen "Edlen Wilden" zu betrachten. Ich selbst bin mit einigen meiner Ausstellungen vielleicht auch in diese Falle getappt. Aber wenn das so war, dann nur, weil ich daran glaube, dass wir einen neuen Zauber in der Kunst und durch die Kunst brauchen. Man könnte diese Falle vermeiden, indem man beides - die Kunst, die zum Kanon gehört, und die weniger beachteten Positionen - gleich behandelt: als Zeugnisse verschiedener Sichtweisen auf die Welt, die unsere Vorstellung von der Kunst und von der Welt bereichern. Wenn uns dies gelingt, kann das dazu beitragen, eine Kunstgeschichte und einen Blick auf die Gegenwartskunst zu entwickeln, der reicher, vielstimmiger, strukturierter und weitaus befriedigender ist als diese sterilen Top-100-Listen der mächtigsten und teuersten Künstler.
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