|
|
Auf der Ebene der Kultur im Sinne lose zusammengehaltener Voraussetzungen und Annahmen herrscht beständige Veränderung. Im Laufe von Generationen ändert sich die erste Sprache und die Beziehung zu allem, was „Herkunftskultur“ genannt wird. Es ist demnach nicht möglich, über die erste Generation von MigrantInnen als bleibendes Beispiel für irgendetwas zu sprechen. Dies muss vom normativen Verhalten der Kultur als ihrem eigenen irreduziblen Gegenbeispiel unterschieden werden. Gruppen von ImmigrantInnen sind keine statischen Personen, die auf der Suche nach Gerechtigkeit in die Metropolen kommen. Es handelt sich vielmehr um die Entwicklung allochthoner EuropäerInnen. Um es nochmals zu wiederholen: Das Konzept der ersten Sprache verändert sich ständig – denken Sie an erste Sprache und nicht an Muttersprache. Jedes Kind lernt eine Sprache, die wir erste Sprache nennen werden. Manchmal, in einer sehr vielsprachigen Situation, weiß das Kind nicht, welche Sprache es zuerst gelernt hat. Das ist fein und muss für das, was ich nun erarbeiten möchte, nicht näher bestimmt werden. Ich gebe Ihnen hier eine impressionistische Beschreibung davon, wie die erste Sprache erlernt wird, die Sie entweder annehmen oder vergessen können. Das Kind erfindet eine Sprache. Die Eltern beginnen diese zu verstehen. Ohne recht zu wissen wie, fügt sich diese Sprache irgendwie in eine Sprache mit einer Geschichte, einer Vergangenheit, einer Zukunft, ein, die den Tod des Kindes überdauert; aber dennoch wird sich das Kind sodann in dieser Sprache erfinden, sie wird zu seiner eigenen Sprache werden. Dieser Lernprozess, und nur er allein, setzt die metapsychologischen Kreisläufe in Gang und bringt ein sprachliches Gedächtnis hervor. Nur eine Sprache wird auf diese Weise erlernt. Befindet man sich in einer multilingualen Situation, dann ist es möglich, dass das, was ich hier eine Sprache nenne, tatsächlich zwei oder mehr Sprachen sind; das ändert nichts.
|