|
|
gehensweise an die nationale Frage, die viele im kulturalistischen national-liberalen Lager stört. Marx, Engels und in gewissem Ausmaß auch Lenin nahmen Hegels Unterscheidung zwischen den sogenannten „historischen Nationen“ (etwa so ähnlich wie die Hegel’schen „weltgeschichtlichen Individuen“) und den „unhistorischen Nationen“ sehr ernst. Zum Beispiel unterstützten Marx und Engels zu ihrer Zeit die Bewegung zur Vereinigung Deutschlands (angesichts der Beiträge, die dieses Land zur Zivilisation und Kultur leistete), weigerten sich aber, solchen „unhistorischen Nationen“ wie den Tschechen oder den Bulgaren das Recht nationaler Selbstbestimmung anzuerkennen.14 Für all jene nationalen „Fragmente“, die begannen, von den Körpern der zusammenstürzenden Reiche abzusplittern, hielt der Marxismus nicht die Wahl der Selbstbestimmung bereit. Marx glaubte sogar, dass nur die hochindustrialisierten und zentralisierten Nationen dazu fähig seien, den historischen Fortschritt weiterzuführen, und was die „nicht großen“ Nationen anginge, könnten diese nur Teil der Moderne werden, wenn sie in andere Staatskörper integriert wären, wie kosmischer Staub in die Umlaufbahnen der „großen“ Nationen hineingezogen. Dieses kolonialistische Verständnis der Beziehungen zwischen benachbarten Nationen ist es, was den Stolz vieler National-Liberaler verletzt, denn selbst, wenn sie sich bewusst sind, dass man auf sie herunterschaut und sie als Fragmente, Rückstände, Sippen oder kosmischen Staub ansieht, wollen sie zumindest die (vielleicht illusorische) Freiheit haben zu wählen, welchem großen Himmelskörper sie folgen, und nicht ohne ihre Zustimmung in das schwarze Loch der Geschichte hineingezogen werden. Doch auch über den Liberalismus machen sie sich keine Illusionen, denn sowohl der klassische als auch der Neoliberalismus haben ebenfalls Nationen in zivilisierte und unzivilisierte eingeteilt, in aufgeklärte und rückständige, in demokratische und nichtdemokratische, in offene und geschlossene Gesellschaften – schließlich haben beide intellektuelle Traditionen ihre Wurzeln in der Ideologie der europäischen Aufklärung. Sowohl der marxistisch-leninistische Übergang zum Kommunismus nach 1917 (und in manchen Teilen Europas 1940 oder 1945) als auch die „Nachholrevolution“ nach 1989 oder der neoliberale Übergang zum Kapitalismus können beschuldigt werden, eine koloniale Mentalität bewahrt zu haben.
|