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Um sich als wahrhaft dekoloniale Strategien entwerfen zu können, müssen die transkulturellen visuellen Studien über die einfache Behauptung hinausgehen, dass sowohl die historische Entwicklung der kolonialen Visualität sowie imperialen Ethnographien als auch der Prozess der disziplinären Rechtfertigung des anthropologischen visuellen Denkens – in dem Maß, in dem sie alle ihren Ausgang aus dem Anspruch nahmen, universelles und universalisierendes Wissen zu sein – aufs engste mit den imperialen erleuchtenden Paradigmas verknüpft sind, die das skopische Regime der kolonialen Moderne kennzeichneten.[20] Dies ist ohne Zweifel ein Schüsselelement, um die Genealogie der Kolonialität des Sehens zu begreifen; dennoch ist es unserer Ansicht nach notwendig festzuhalten, dass auch die Unterwerfung und Subjektivierung der Andersheit durch den (An)Blick kein einheitliches universelles visuelles Regime konstituierte – noch konstituiert – und dass diese Erzählungen und imperialen Kategorien daher ersetzbar, durchlässig und hinterfragbar sind. Diesen erleuchtenden Epistemologien, die aller Beobachtung, allem Verschwinden oder ethnographischem Verdauen zugrunde liegen, muss daher widersprochen und begegnet werden; sei es seitens der Logik der dekolonialen nicht-erleuchtenden Epistemologien oder seitens der dem interepistemischen Dialog eignenden, nicht optisch zentrierten Selbstreflexion. Die visuellen Studien sind in diesem Sinn aufgefordert, jene nicht-erleuchtenden Formen zu entdecken, die den traditionellen Sozialwissenschaften entgangen sind, die aber der optisch zentrierten Geschichtlichkeit des Okzidents und dem gesamten ethnozentrierten Wissen dennoch innewohnen. Die Frage, welche die Transkulturalität den visuellen Studien gegenwärtig stellt, scheint demnach jene, ob der berechtigte Zweifel an der Kolonialität des Wissens des ethnographischen Blicks aufzuhören vermag, sich für die Verneinung der Möglichkeit instrumentalisieren zu lassen, heute einen interepistemologischen Dialog zwischen den eurozentrierten visuellen Kulturen und jenen visuellen Kulturen in die Praxis umzusetzen, die durch die modern-kolonialen Technologien des Sehens für rassisch minderwertig erklärt wurden. In diesem Sinn sollte uns die Anerkennung der Kolonialität des Sehens vielmehr in Richtung einer ‚Entdeckung’ angrenzender, alternativer und widersprechender skopischer Paradigmen führen, die der historischen Entwicklung der kolonialen Moderne eingeschrieben sind.
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