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Dass die Londoner die Messewoche im Oktober inzwischen Frieze Week getauft haben, zeigt, wie fest die mit fünf Jahren noch relativ junge Veranstaltung inzwischen im kulturellen Alltag der britischen Hauptstadt verankert ist. Ein Grund dafür ist die gute Zusammenarbeit der Frieze mit den Galerien und Museen, die ihre interessantesten Ausstellungen in den Herbst legen. Und davon können Londonbesucher auch noch lange nach der Messe profitieren. Gleich zwei Künstlerikonen werden mit fulminanten Ausstellungen in der Tate gefeiert. Neben der Mark Rothko-Werkschau ist die Francis Bacon-Retrospektive in der Tate Britain das absolute Highlight dieses Herbstes. Niemand hat den Urschmerz der menschlichen Existenz besser eingefangen als er. Chronologisch führt die Ausstellung durch den wohl eigenwilligsten Malerkosmos des 20.Jahrhunderts, der geprägt ist von Bacons atheistischer Sicht auf ein Dasein, in dem es keinen Gott und keine Erlösung gibt, in dem der Mensch nichts anderes ist als ein Tier, geleitet von Instinkten und Trieben. Bereits das von den Eindrücken des 2. Weltkriegs geprägte Frühwerk aus den vierziger Jahren ist von schonungsloser Brutalität und Körperlichkeit und zeigt die Eigenwilligkeit und Einzigartigkeit von Bacons Position. In einer von abstrakter Kunst geprägten Epoche legte Bacon ein Arsenal von massenmedialen und reproduzierten Images an, die ihm als Grundlage seiner Malerei dienten: Katalogbilder von Werken aus allen Epochen, Fotografien, Ausrisse aus Zeitungen und Magazinen, Filmbilder, private Aufnahmen. Wer denkt, er kenne Bacon bereits, sollte die Retrospektive besuchen. Ein großes Verdienst der Ausstellung ist es, dass sie diesem Quellenmaterial eine ganze Sektion widmet und darüber hinaus selten ausgestellte Werke aus Privatbesitz zeigt. Dazu gehört etwa das legendäre Triptychon May-June 1973, das Bacon in Erinnerung an seinen Lebensgefährten, den Boxer und Eastender George Dyer, malte, der sich 1971, kurz vor Eröffnung der großen Bacon-Schau im Grand Palais in Paris in einem Hotelzimmer das Leben nahm. Seine Malerei solle direkt in das Nervensystem eindringen, hat Bacon einmal gesagt. Tatsächlich ist der Besuch der Londoner Retrospektive ein absolut intensives Erlebnis.
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